Unser Dirigent

Miguel Etchegonçelay 

 

Miguel wurde 1970 in Argentinien geboren. Der Liebe wegen kam er nach Europa und lebt seither mit der Familie im Elsass. 

Er spricht viele Sprachen –  Spanisch, Französisch, Englisch, Italienisch und Deutsch.

Schwiizerdütsch versteht er ebenfalls, deren Aussprache beherrscht er noch nicht ganz akzentfrei. 

 

Mit Humor, Geduld, sozialer Kompetenz und viel musikalischem Geschick leitet er seit 2006 unseren Verein.

 


Interview zum 10-jährigen Jubiläum

Miguel, wenn du zehn Jahre zurückschaust, was waren deine Highlights mit der Stadtharmonie?

Es gab viele und schöne musikalische Momente, zum Beispiel die letzte Reihe von Jahreskonzerten, den 1. Rang am Musikpreis in Duggingen vor ein paar Jahren oder die Preise an den verschiedenen Musiktagen, für beste Interpretation von einem Marsch oder einem Solostück. Ein anderes Highlight war für mich die Aufführung vom Stück «Fantastische Variationen über ein Festliches Lied» für Drehorgel und Orchester. Es hat mich sehr gefreut, diese Musik für Pit (Peter Rohrer), ein Musikpassionierter und ganz guter Freund, zu schreiben. Highlights in der Musik haben im Laien-Bereich sehr oft auch mit Menschen zu tun, nicht nur mit Klängen.

Wie kann man Blasmusik in der heutigen digitalen Zeit attraktiv gestalten?

Blasmusik (oder ganz allgemein: die Musik) erlebt heute besondere Zeiten. Sie muss sich ständig in Frage stellen, um attraktiv zu bleiben. Die extrem schnellen Veränderungen in der Gesellschaft lassen die jungen Generationen von Musikern das Leben ganz anders sehen. Massen, Kulturen, Medien gleichen alles in Mainstreamprodukte aus. Es muss Spass machen, muss direkt und einfach, für alle; es muss «Entertainment» sein. Die Konsequenzen für die Musik und für allgemeine Kunst sind katastrophal. Und schlimmer: Wenn unsere Politiker nur diese Welt kennen und nie Kontakt mit einem Musikinstrument hatten, nicht mal eine Oper, ein Ballett, ein Museum oder sonst eine kulturelle Veranstaltung besucht haben, können politische Entscheidungen sehr falsch orientiert werden. Es geht um Verständnis, um Sensibilität; das kann man nur verstehen, wenn man es selbst erlebt hat. Was ich grossartig von der Schweizer Bevölkerung fand, war die Zustimmung für die Initiative «Jugend+ Musik», welche Ende 2008 eingereicht wurde. Sie verlangte, die musikalische Bildung zu stärken. 2012 zog das Komitee die Initiative zurück, weil es mit dem Gegenvorschlag des Parlaments zufrieden war. Das ist für die ganze Welt historisch und vorbildlich. Insgesamt: Musik kann attraktiv bleiben, wenn sie immer kreativ, frisch und mit Qualität präsentiert wird. Oft wirkt eine Partnerschaft mit anderen kulturellen Gattungen gut. Aber eines ist sicher: Die traditionelle Konzertform, die es seit 250 Jahren gibt, ist langsam aus.  

Wirst du als Dirigent in Rente gehen oder hast du noch andere berufliche Pläne?

Pläne habe ich viele, alle in der kulturellen Branche. Ich werde natürlich weiter dirigieren, das gefällt mir am besten. Aber mich interessieren auch andere Sachen. Deswegen habe ich letztes Jahr einen Master in Politik und Kulturmanagement abgeschlossen. Ich sehe mich auch in einem kulturellen Service arbeiten.

Du bist in Argentinien aufgewachsen. Inwiefern musstest du dich an uns Schweizer anpassen?

Ich musste mich natürlich an normale Sachen anpassen, die Sprache zum Beispiel oder die Art und Weise, wie ein Vereinsleben organisiert und geführt wird. Aber eigentlich hatte ich es nicht schwer.  Wenn man versteht, dass es andere Sachen, Kulturen, Sprachen und natürlich Weltanschauungen gibt, gewinnt man an Toleranz. Ich muss sagen, dass ich nie ein Problem hatte, weder in Frankreich, Deutschland noch in der Schweiz. Zur Erinnerung, ich arbeite seit 16 Jahre in diesen drei Ländern.

Bist du mittlerweile in Frankreich eingebürgert?

Mittlerweile bin ich französisch eingebürgert. Diese administrative Entscheidung machte meine Anstellung in Frankreich viel einfacher. In meiner Seele fühle ich mich hingegen immer noch als Argentinier. Aber mittlerweile bin ich ein «gemischtes Produkt» aus verschiedenen Kulturen. Ich glaube, es wäre sehr schwer für mich, heute zurück in meine Heimat zu kehren. Komischerweise würde ich mich zu Hause als Ausländer fühlen. 16 Jahre in Europa haben mich stark beeinflusst.

 

 

Herzlichen Dank, Miguel, für das Interview in Deutsch!

Oktober 2016